Belagerung von Neuss durch Karl den Kühnen 1474/75

„L’attention de l’Europe se concentrait sur la petite ville,“ bemerkte der französische Historiker Bartier über die Belagerung einer kleinen Stadt am Niederrhein im Jahr 1474/75, die in der europäischen Geschichtsschreibung der folgenden Jahrhunderte eine herausragende Stellung einnehmen sollte.
Dr. Jens Metzdorf (Stadtarchiv Neuss)

Europa sah 1474 auf die alte kurkölnische Stadt Neuss am Rhein,in der sich die hier abspielende Belagerung wohl zu den bemerkenswertesten des ausgehenden Mittelalters zählt und führte zu einer machtpolitische Wende im frühneuzeitlichen Europa.

Während der elfmonatigen Belagerung der Stadt Neuss durch Karl den Kühnen war entscheidend
1.die politische Ausgangssituation
2. die militärischen Gesichtspunkte, also die Verteidigungsanlagen und -strategien der mittelalterlichen Stadt, Abwehr und Ausbrüche
3. das Problem der Versorgung der städtischen Bevölkerung und des Militärs
4. die innerstädtischen Konflikte während des zermürbenden Wartens auf Entsatz
5. die Zuspitzung und Aufhebung der Belagerung, also die dramatische Endphase sowie die aus den Verhandlungen resultierenden Folgen für die Neusser Verteidiger
einerseits und den gescheiterten Belagerer andererseits.

1463
Dietrich von Moers – Erzbischof zu Kurköln stirbt und hinterlässt einen hochverschuldeten Kurstaat

1473
Ruprecht von der Pfalz wird sein Nachfolger, aber bald schon von den Landständen abgesetzt. Er hatte mit Gewalt versucht die Stadt Neuss einzunehmen.
Die Landstände wählten Landgraf Hermann von Hessen zu seinem Nachfolger. Ruprecht holt sich Karl den Kühnen zur Hilfe und machte ihn zu seinem Sachverwalter Karl der Kühne verfolgt eigene Interessen und erobert nicht nur Holland, Limburg, Brabant, Flandern und Luxemburg erobert, sondern auch das Herzogtum Geldern. Er will Burgund zur Großmacht zwischen Frankreich und dem deutschen Reich ausweiten.

Am 21. Juli 1474
Das Heer von Karl dem Kühnen, das größte und bestausgerüstete Streitmacht seiner Zeit, bricht zum Rhein auf. Die Kölner schrieben darauf an den Kurfürsten von Trier:
„der Hertzog von Burgundien ist hude zu Tricht [Maastricht] uffgebrochen mit syme heer, in willen, als man sagt, Nuysse oder Colne zu belegen“.
Der Neusser Hilferuf wurde von Köln sogleich an Kaiser und Reich weitergeleitet: „Werden diese Lande am Rhein von Kaiser und Reich verlassen, dann fallen sie in Jammer und Verderben und dem Reiche wird ein unermeßlicher Schaden erwachsen.“

Kaiser Friedrich III beauftragte erst jetzt die Planung eines Reichheeres von 130.000 Mann unter Albrecht Achilles von Brandenburg und dem Mainzer Kurfürsten.

Aber nur Hermann von Hessen konnte Neuss rechtzeitig zur Hilfe zu kommen. Kurz vor Eintreffen der Burgunder rückte dieser mit hessischen Adligen und Soldaten – 70 Rittern, 300 Reitern und 1.500 Fußsoldaten – in Neuss ein und leitete fortan die Verteidigunggegen die burgundischen Belagerer.

Neuss seit dem Ende des 12. Jahrhundert ein starkes Verteidigungssystem. Es bestand ein doppelter Verteidigungsring aus Mauer und Graben, davor zwei bewässerte Gräben und dazwischen einen befestigten Wall. Vier ausgebaute Haupttore und zahlreiche Mauertürme verstärkten die bis zu 50 Meter breite Neusser Befestigung

Die nur ca. 5.000 Einwohnern hatte sich auf die Belagerung vorbereitet. Mauern, Bastionen und Palisaden wurden noch verstärkt. Die Vorratslager waren gut gefüllt.

Ca. 4.000 Mann zur Verteidigung der Stadt bereit. (Bürgern, Söldner, hessischen Truppen und Aufgeboten aus befreundeter Städten.)

Am 26. Juli
Herzog von Burgund, ein Herold machte den Neussern noch ein letztes vergebliches Angebot, die Stadt kampflos zu übergeben.

Am 29. Juli
Das burgundischen Heeres zählt ca. 13.000 bis 20.000 Mann, die Angaben sind unterschiedlich.Ein Angriff von 6.000 Burgundern Lanzenreitern und Fußsoldaten können die Neusser sie mit ausrückenden Truppen und Geschützen abwehren, was den einstweiligen Rückzug der Burgunder zur Folge hat.

Am 30. Juli 1474
die Stadt Neuss ist rundum von Burgundern belagert, dazu zählen:

  • Truppen aus der Lombardei unter dem Grafen von Campobasso
  • 1.400 in Geldern aufgebotene Reiter und Fußsoldaten
  • 1.000 Mann aus Lüttich
  • 3.000 Mann aus der Pikardie
  • 2.000 Engländer
  • 3.000 Reitern und 1.000 Fußsoldaten unter Karl dem Kühnen

Am 10. September
Erste Großoffensive des Belagerungsheers gegen Neuss mit erheblichen Verlusten, aber die Stadt kann, wie auch nach 56 weitere schweren Angriffen, verteidigt werden.
Die Neusser schaffen durch Ausbrüche den Belagerern erheblichen Schaden zuzufügen.

Im Oktober 1474
schreibt ein Nürnberger Berichterstatter:
„Item so haben die von Neuss viermal oder mehr Ausfälle auf das Heer unternommen und viel Volk erschlagen oder gefangen, …sie kamen heraus und hatten die Geschütze so gerichtet, daß wenn das Belagerungsheer sie wollte angreifen, sie sich zur Stadt zurückzogen und dann die Kanonen losgingen. So geschah es, und als sich das Heer wieder umwandte, stürmten die Neusser zu einem anderen Tor heraus und schlugen von hinten auf den Feind los; sie sollen dem Heere an diesem Tage Verluste von über 800 Toten und Gefangenen zugefügt haben. Danach haben sie abermals mit 3.000 Mann und Geschützen einen Ausfall unternommen und das Heer bis an die Lager-
Kramläden mit den seidenen Gewändern und anderen Kostbarkeiten zurückgedrängt; und das alles haben sie zusammengerafft und mit nach Neuss zurückgebracht. Danach hat der Herzog dem Neusser Bollwerk gegenüber ein noch größeres Bollwerk aufführen lassen in der Absicht, über das Neusser hinweg in die Stadt zu schießen. Die Neusser haben ihn gewähren lassen und derweil ihre Geschütze gerichtet, bis die Burgunder etliche Balken aufgerichtet hatten. Dann schlichen die von Neuss still heraus und machten alle Zimmermeister nieder. Als das Belagerungsheer zur Abwehr herbeieilte, da gingen ihnen so viele Geschütze unter die Augen, daß sie nicht konnten hinzukommen…“

Martinstag 1474
Zwei Boten gelang es aus der Stadt nach Köln und auch wieder zurück nach Neuss zu kommen: begleitet von 550 gut gerüsteten Männern, von denen jeder einen zehn Pfund
schweren Sack Salpeter transportierte.

Februar 1475
Von Hunderten Stück Vieh, waren nur noch drei Kühe übrig. Noch am Fastensonntag hatten die Neusser auf dem Markt Ritterspiele veranstaltet, um damit den Feind über die verheerende Lage zu täuschen, anschließend wurde begonnen, die Pferde nach und nach zu schlachten – 350 an der Zahl.

Zur Jahreswende 1474/1475
das kaiserliche Heer Friedrichs III war in Koblenz eingetroffen.

Am Dreikönigentag 1475
war die äußere Stadtmauer im Feuer der burgundischen Artillerie zusammengebrochen.
Das Hilfegesuch der Neusser an Köln:
„Wir sind sehr erschreckt, daß uns der Trost des Entsatzes leider noch so fern ist […] werden wir nicht von Stund an entsetzt, werden wir Leib, Gut und unsere Stadt verlieren oder zu unser ewiger Verderbnis übergeben müssen […

Am 28. Januar 1475
Friedrich III forderte bis zum 5. März zum Reichsheer in Andernach abzustellen.

31. Januar 1475
Friedrich III. schreibt an die Stadt Neuss und dem Landgrafen von Hessen, verspricht Hilfe, ermahnte sie zur Eintracht und warnte vor Verhandlungen mit dem Feind

Am 7. März
Das Reichsheer endlich über die Rheinstrasse nach Linz, das letzte von Ruprecht und den burgundischen Truppen
gehaltene Hindernis.

Am 21. März
Friedrich III. zieht in Köln ein und liest den Brief von Hermann von Hessen an seinen Bruder Heinrich:
… die Verteidiger von Neuss seien am Ende ihrer Kräfte, Trostworte würden ihnen nichts mehr nutzen, der Entsatz müsse nun dringend erfolgen.

In der Nacht zum 22. März
Markgraf Albrecht Achilles von Brandenburg führt Scheinangriffen um der stadt neuss 3.000 Mann und Proviant zuzuführenaber er scheitert und trotz nahendem Reichsheer scheint das Ende von Neuss endgültig besiegelt zu sein.

Am 9. April
Auch in der Stadt gibt es Konflikte. 600 Bewaffnete auf dem Neusser Markt drängen und bedrohen sich gegenseitig. Hermann lässt den Turmwächter des Quirinusmünsters Sturm läuten. Dem Kommandanten gelang es immer wieder auszugleichen und Ordnung herzustellen.

Vom 15. April
berichtet der Baseler Domherr Mattheus Muller:
„Item der Hertzog von Burgund hat uff Samstag vor Jubilate Nüsse zu dem dritten Mol gestürmt und alle dry Stürm verlorn. Also uff Stund hatt er die Stadt Nüsse gantz umb beleit, dasz niemans herusz noch hinin kommen mag.“

Am 21. April 1475
während eines Bittgebetes erhielten die Verteidiger der Stadt den ersten Hinweis auf nahende kaiserlichen Truppen. Das Heer Friedrichs III. sei „mit groissem myrcklichen volcke zo perde ind zo voisse“ auf dem Weg nach Neuss..

Eine am 8. Mai 1475
aus der Stadt geschossene Botschaft in einer hohlen Kanonenkugel an die Stadt Köln enthielt Hermann von Hessens letzten verzweifelten Appell: „… ohne
Pulver und Geschosse, ohne Lebensmittel und Arzneien, bei sich verschärfenden Kämpfen und wachsender Zwietracht stünde die Stadt kurz vor dem Fall.“

6. Mai
das Reichsheer setzt sich endlich von Köln aus in Bewegung, aber ist unorganisiert, keineswegs motiviert Neuss zu unterstützen. Viel Städte wollen sich vor einem Beitrag drücken,

Am 23. Mai
Von der Zollfestung Zons bis nach Grimlinghausen konnten die Neusser endlich das vorrückende Entsatzheer erspähen. Das Reichsheer stand nun unmittelbar im Rücken des Burgunders. Nach ersten Kämpfen war das Erftufer zwei Tage später fest in kaiserlicher Hand und Karl der Kühne zeigte sich verhandlungsbereiter.

am 28. Mai
ließ der Kaiser dem Landgraf Hermann und den Neussern zwei Briefe überbringen und einen Waffenstillstand verkünden.

Am 30. Mai
Karl der Kühne hob Belagerung auf.

5. Juni 1475
Im Kriegstagebuch des Jean Molinet wird die Situation aus Sicht des burgundischen Historikers beschrieben:
„Auf diese Weise wurde die Belagerung der Stadt Neuss, nachdem diese das unerträgliche Elend des Krieges erlitten, dabei immer standgehalten
und alle Anstürme abgewehrt hatte, mit großem Lob, Ehre und höchstmöglichem Ruhm für sie […] beendet. Sie hatten am Tag des Abkommens noch genug Getreide für ein Jahr und reichlich Rheinwein, Malviserwein und Bier. Zugpferde gab es nicht mehr. Insgesamt gab es noch zwölf Pferde und noch vier andere, die zum
Drehen der Mühlen eingesetzt waren. Alle Annehmlichkeiten wie Milchspeisen, Butter, Käse, Eier und Früchte waren ausgegangen. Wenn einer verletzt war, kam er mangels Medizin um. …Von den 1.400 – 1.500 Verteidigern, Söldnern und anderen, die sich am Tage des Belagerungsbeginns in Neuss befanden, waren nur ungefähr 500 übrig geblieben; während der Belagerung sind an Kriegsleuten, Bürgern und anderen gemeinem Volk, an Frauen und Kindern ungefähr 3.000 gestorben….

27 Juni 1475
Das burgundische Heer zieht von Neuss über Zons, Herzogenrath und Mecheln in Richtung Brügge und hinterläßt dabei immense Schäden zurück: zwei Stadttore, 17 Türme und ungefähr 300 Häuser waren zerstört, die Infrastruktur stark beschädigt

am 2.September
Der Kaiser dankt Neuss mit zahlreichen Privilegien: er unterzeichnete in Neuss gleich sechs Urkunden und erlaubt Neuss die Stadt- und Gerichtsverfassung. Neuss erhält ein neues Wappen: ein goldenen doppelköpfiger Adler nebem dem weißen Kreuz auf rotem Grund, darüber die kaiserlichen Krone. Neuss durfte künftig in rotem Wachs siegeln: „Neuss der heiligen kölnischen Kirche getreue Tochter“. Die Stadt erhielt das wertvolle Münzrecht, außerdem Anteile am Zoll zu Bonn, Zons und Rheinberg.

 

 

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